Der Moment davor
Wohnungslosigkeit kommt selten über Nacht. Meistens gibt es einen Moment davor. Eine gekündigte Wohnung. Eine verlorene Arbeit. Eine Beziehung, die zerbricht. Über eine Million Menschen waren 2024 in Deutschland wohnungslos – und die EU-Kommission fordert in ihrer neuen Armutsstrategie genau das, was noch fehlt: Frühwarnsysteme, die eingreifen, bevor jemand auf der Straße landet. Einen Moment, in dem noch etwas möglich wäre; in dem das richtige Gespräch, die richtige Information, der richtige Kontakt den Unterschied machen kann.
Genau diesen Moment wollen wir erreichen.
Impressionen unseres Events in Wilhelmsburg, 05.07.2026
Impressionen unseres Events auf dem „DOCK – Tage ohne Sorgen“ in der Hafencity, 23.05.2026
Was wir tun
StrassenHILFE bringt Prävention dorthin, wo Menschen sind: in Stadtteile, in denen Armut nah ist. Nicht in Beratungsstellen. Nicht in Behörden. Sondern in den öffentlichen Raum.
An unseren Veranstaltungen kommen zwei Dinge zusammen: Offenheit und Substanz.
Die Offenheit entsteht durch Mitmach-Musik und -Kunst: niedrigschwellig, ohne Voraussetzung. Wer neugierig ist, kommt dazu.
Die Substanz bringen die Peers. Menschen, die selbst Wohnungslosigkeit erlebt haben. Ihr Wissen ist kein theoretisches, es ist gelebte Realität. Pro Veranstaltung sind meist zwei Peers dabei, die auf Augenhöhe sprechen und zeigen: Es gibt einen Weg heraus. Und vor allem: Es gibt einen Weg, gar nicht erst hineinzugeraten. Armutsprävention.
Ergänzend gibt es einen präventiven Frühwarn-Check. Wer möchte, kann anonym einschätzen, wie gefährdet die eigene Situation ist; und bekommt konkrete Hinweise auf Hamburger Hilfsangebote. Sozialarbeitende sind direkt vor Ort.
Im Pilotprojekt: Etwa sieben Veranstaltungen in benachteiligten Hamburger Stadtteilen.
Ein Pilotprojekt – transparent und lernend
StrassenHILFE ist kein fertiges Programm. Es ist ein Experiment mit einer ehrlichen Frage: Was hilft wirklich, wenn wir Menschen vor Wohnungslosigkeit schützen wollen?
Wir messen, was wir können. Wir fragen nach. Wir scheitern an manchen Stellen – und lernen daraus. All das teilen wir offen: mit Förderern, Fachleuten, Nachbarschaftsinitiativen und anderen Organisationen.
Diese Seite wächst mit dem Pilotprojekt. Nach jeder Veranstaltung dokumentieren wir, was funktioniert hat und was nicht. Was wir verändert haben. Und warum.
Transparenz ist keine Schwäche. Sie ist die Voraussetzung dafür, dass aus einem Pilotprojekt etwas Bleibendes wird.
Dein Feedback
Du arbeitest in der Sozialen Arbeit, der Stadtentwicklung, der Wissenschaft oder du hast selbst Erfahrung mit Armut oder Wohnungslosigkeit? Wir freuen uns über Rückmeldungen, Hinweise und kritische Fragen. Was siehst du, was wir übersehen?
UNSERE LEARNINGS (fortlaufend dokumentiert)
„Hamburg zusammen“ ist in diesem Jahr bewusst als Pilotprojekt angelegt. Wir probieren aus, messen die Wirkung und lernen bei jedem Event dazu. Was funktioniert? Was überrascht uns? Was wollen wir beim nächsten Mal anders machen? Diese Fragen begleiten uns durch die gesamte Eventserie. Die Antworten darauf teilen wir hier offen, weil wir das Format langfristig so aufbereiten wollen, dass andere Organisationen solche Dialogräume und Ansätze zur Armutsprävention in ihrem Stadtteil oder ihrer Stadt umsetzen können.
Hafencity – auf dem Event „DOCK – Tage ohne Sorgen“ der KWB-Stiftung
Samstag, 23. Mai 2026
- Sich an ein bestehendes Event anzudocken lohnt sich normalerweise: das Publikum ist bereits da.
- Die Zielgruppe war fast ausschließlich armutsbetroffen, viele bereits wohnungslos. Das macht die Location ungewöhnlich für das präventive Frühwarn-Tool – und die Peers (ehemals Wohnungslose) waren unterbeschäftigt.
- Wir standen etwas abseits vom Festival-Laufpublikum. Deutlich weniger Menschen haben mitgemacht als erwartet.
- Richtig gut hat das gemeinsame Musizieren geklappt: viele schnappten sich spontan ein Instrument und blieben länger an unserem Stand.
- Teilnehmende: ca. 70-80
- Nächste Schritte: Versuchen, unser Projekt an bestehende Events anzuschließen / Jonglage als zusätzliches Aufmerksamkeitstool einbauen / Interessensvertreter der zukünftigen Bezirke frühzeitig kontaktieren
Bergedorf
Sonntag, 7. Juni 2026
- Mitmach-Musik ist unverzichtbar, um Aufmerksamkeit zu erzeugen.
- Das Wetter entscheidet mit: In der ersten Stunde Nieselregen, kaum Publikum.
- Nur ein Peer vor Ort, der sich vereinzelt gut einbringen konnte.
- Die Ansprache von Passantinnen und Passanten braucht Fingerspitzengefühl: Mal ist es ein Gespräch, mal eine Aktion, mal nur ein Flyer – oder ein kurzes Lächeln.
- Multiplikator-Effekt: Mehrere Teilnehmende nahmen Infomaterial für betroffene Bekannte mit. So erreichte das Hilfsangebot auch Menschen, die nicht vor Ort waren.
- Wirkungsmessung gelingt am besten, wenn jemand bereits an einem unserer Tische malt oder gerade musiziert hat – und nicht nur stehend am Frühwarn-Check teilnimmt. Dann lässt sich der Fragebogen gemeinsam und natürlich durchführen.
- Teilnehmende: ca. 90-100
- Nächste Schritte: Alternativen finden für regnerische Wetterlage / Ansprache gegenüber Passanten und Passantinnen besser vorbereiten, Team sensibilisieren / Durchführung Frühwarn-Check mit Wirkungsmessung besser verzahnen / Genehmigung der Sondernutzung beim Bezirk früher anstoßen
Was wir aus dem Dialograum Bergedorf mitnehmen:
Das „Sterben“ der Innenstadt und der Wandel des Einzelhandels bewegen die Menschen. Der Megabau Oberbillwerder polarisiert. Und das Thema Wohnen und Verdrängung ist sehr präsent: Menschen, die seit Jahrzehnten in Bergedorf oder Lohbrügge leben. Seniorinnen und Senioren, die sich verkleinern wollen, junge Erwachsene, die ihre erste eigene Wohnung suchen, finden kaum noch bezahlbaren Wohnraum.
Wilhelmsburg
Sonntag, 5. Juli 2026
- Kaffee & Kuchen ziehen Menschen an: Ein niedrigschwelliges Angebot zum gemeinsamen Verweilen funktioniert oft besser als reine Informationsstände.
- Eine überdachte Location wurde von uns mitgedacht – dieses Mal nicht nötig, aber für künftige Veranstaltungsorte weiterhin relevant, besonders bei unsicherer Wetterlage.
- Auch hier zeigt sich: „Dritte Orte“ fehlen im Stadtteil. Menschen kommen selten zusammen, ohne etwas konsumieren zu müssen – ein strukturelles Problem, das über den Veranstaltungstag hinausweist.
- Frühzeitige analoge Werbung vor Ort (Aushänge, Flyer in Nachbarschaftseinrichtungen) erhöht sichtbar die Reichweite. Haben wir gemacht, aber zu wenig.
- Im Vergleich zu Bergedorf war das Entertainment (Mitsingende Menschen) weniger im Vordergrund, dafür liefen die Interviews zum Frühwarn-Check sowie die Wirkungsmessung deutlich besser.
- Teilnehmende: ca. 100-120
- Nächste Schritte: Kaffee & Kuchen als festen Bestandteil künftiger Formate etablieren / Konzepte für „Dritte Orte“ im Rahmen von StrassenHILFE weiterentwickeln / analoge Vor-Ort-Werbung als Standardprozess in die Veranstaltungsplanung aufnehmen / Erfolgsfaktoren aus Wilhelmsburg (Frühwarn-Tool, Wirkungsmessung) und Bergedorf (Mitmach-Musik) für kommende Standorte kombinieren
Was wir aus dem Dialograum Wilhelmsburg mitnehmen:
Wilhelmsburg zeigt sich als Stadtteil der Gegensätze: Einerseits eine starke Selbstorganisation der Bürgerinnen und Bürger sowie viel grünes Potenzial – etwa im Inselpark. Andererseits der Verlust wichtiger Infrastruktur wie dem Krankenhaus, hoher Verkehrsdruck und ein zunehmend angespannter Immobilienmarkt. Aus unseren Gesprächen wird deutlich: Wilhelmsburg steht vor einer zentralen Herausforderung der kommenden Jahre – zu wachsen, ohne dabei die soziale Mischung zu verlieren.
Steilshoop
Sonntag, 09. August 2026
- Die Sondernutzungsgenehmigung war diesmal eine echte Hürde: Wir hatten sie sechs Wochen vorher über das Hamburg Serviceportal eingereicht – die Zusage kam trotzdem erst drei Tage vor dem Event. Der direkte Weg per E-Mail an die Bezirksämter hat sich in der Vergangenheit als deutlich zuverlässiger erwiesen als das Serviceportal.
- Durch die kurzfristige Zusage, mit der wir schon nicht mehr gerechnet hatten, konnten wir Stakeholder vor Ort nicht mehr rechtzeitig einbinden. Learning: Die Ankündigung sollte künftig mehrere Wochen vorher raus – notfalls mit dem Risiko, das Event kurzfristig wieder absagen zu müssen.
- Ein Rapper in unserem Team war goldrichtig. Kaum stand das Mikro, kamen mehrere Männer aus der Nachbarschaft dazu und rappten über das harte Pflaster in Steilshoop. Die Stimmung entwickelte sich damit spürbar ins Positive.
- Der Musik-Pavillon lief von der ersten Minute an überraschend gut, der Kunst-Pavillon fand erst später über die Kinder seinen Weg zu den Menschen. Für kommende Termine überlegen wir, später als um 11 Uhr zu starten, da erst ab 17 Uhr viele auftauchten.
- Erstmals begegneten uns die Menschen vor Ort deutlich zurückhaltender gegenüber klassischen Fragebögen. Wir sind spontan auf anonymisierte Gedächtnisprotokolle umgestiegen – das hat die Distanz genommen und trotzdem belastbare Eindrücke geliefert.
- Teilnehmende: ca. 90–110
- Grundsätzliche Überlegung: Steilshoop und zwei weitere Standorte künftig regelmäßig mit dem Event StrassenHILFE besuchen, um echte Verbindung mit den Menschen vor Ort aufzubauen. Mehrere Anwohnende haben uns direkt gefragt, ob wir zum Straßenfest am 19. September wiederkommen – solche Termine sollten wir zukünftig frühzeitig in unsere Planung aufnehmen.
Was wir aus dem Dialograum Steilshoop mitnehmen:
Im Gespräch mit den Menschen vor Ort wurde schnell klar, wie dünn die Versorgung im Stadtteil mittlerweile ist: nur ein Arzt, nur eine Apotheke, kaum noch Freizeitangebote, das Einkaufszentrum verwaist. Gleichzeitig steigen die Mieten weiter – trotz dieser strukturellen Leerstellen. Das Sicherheitsgefühl ist spürbar angespannt: Erst am Vortag unseres Besuchs wurde einem 23-Jährigen von zwei Personen ins Bein geschossen, Drogen sind sichtbar präsent. Politisch fühlen sich viele kaum noch vertreten. Nur noch eine einzige politische Ansprechperson ist vor Ort aktiv. Selbst etwas so Grundlegendes wie Bargeld ist unsicher geworden: Es gibt nur noch einen Geldautomaten im Stadtteil, und der fällt wohl immer wieder aus. Steilshoop zeigt damit exemplarisch, wie sich der Rückzug von Infrastruktur, Sicherheit und politischer Präsenz gegenseitig verstärkt – während die Lebenshaltungskosten trotzdem weiter steigen.
Idee für einen neuen „Marktplatz“ in Steilshoop
Aus den Gesprächen mit Anwohnenden ist eine konkrete Idee für die Sozialraumplanung entstanden: ein neu gedachter Treffpunkt am Schreyerring. Vorgeschlagen wurden Wasserspiele vor den vorhandenen Bänken sowie einfache Spielgeräte wie Trampolin oder Federwippen. Immer wieder betonten die Menschen vor Ort, wie wichtig ihnen die großen Sitzbänke sind – und wie dankbar sie sind, dass am Sonntag wenigstens der Kiosk geöffnet hat. Ein kleines Signal mit großer Wirkung: Oft braucht es keine große Investition, sondern einen Ort zum Bleiben.
Konsequenzen: Sondernutzungsanträge künftig per E-Mail statt über das Serviceportal stellen, Ankündigungen trotz Genehmigungsunsicherheit mehrere Wochen vorher kommunizieren, Startzeiten später ansetzen, Peer-Musizierende als festen Programmbaustein einplanen, anonymisierte Gedächtnisprotokolle als Alternative zu Fragebögen bereithalten, Steilshoop und zwei weitere Standorte regelmäßig und langfristig in die Standortplanung aufnehmen, Marktplatz-Idee in die Sozialraumplanungs-Gespräche mit dem Bezirk einbringen.
© Aktions-Team: mehrere Peers / ehemals obdachlose Personen | Sozialarbeit: Nils Kumar, Rick Stelter | Wirkungsmessung Studierende der Sozialen Arbeit | Event-Fotos: Jenny Bewer | Event-Videos: David Diwiak | Idee & Leitung: Nikolas Migut

